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Rezensionen als Gastbeiträge im Blog von Der Meisterschüler
und bei Skulp and Blog - Alles was Sie schon immer über die Skulptur-Projekte Münster 2017 wissen wollten

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                                                      Ruppe Koselleck, Kunst wird durch Text erst schön, 2014, Rohöl, Edding und Kaffee auf Leinwand

noch gar nicht so alte Texte:

…Beginnen wir mit den allerneuesten Werken und dem neuesten Thema, denn man soll ja schließlich auch als Redner die Leute immer dort abholen, wo sie stehen. Und wo stehen sie? Natürlich in der Nähe ihres Smartphones. Wenn Sie also, wie das die neueste Mode ist, mal wieder ein Selfie von sich machen wollen und zwar, wie das die hippen Menschen tun, ein Museumsselfie, so habe ich hier den perfekten Hintergrund für Sie und ein photographisches Selbstporträt mit Smartphone vor Smartphones.

Noch sind diese i-phones 6 etwas ziemlich aktuelles - aber wahrscheinlich landen auch sie demnächst auf dem riesigen Müllberg des digitalen Endgeräteschrotthaufens und nur ein paar Exemplare werden überleben und als Trophäe an die Wand gehängt werden.

Was allerdings hier an der Wand hängt, hat Bestand, denn das sind natürlich keine Smartphones. Es sind auch keine Fakes oder Fälschungen, keine Imitate und keine Coverversionen. Die als Multiple konzipierten Dinger sind eher die Übersetzung dieses omnipräsenten Allzweckgegenstandes in die denkbar purste Form von Malerei. Monochromie, ganz in schwarz. Schmales kleine Schwarze sind damit auch eine Huldigung an den absoluten Nullpunkt der Malerei, an Kasimir Malewitschs berühmtes Schwarzes Quadrat.

Zwar sind Schmales Pseudohandys noch viel weniger quadratisch  als das berühmte Leinwandbild mit seinem schiefen Viereck, dafür sind sie umso schwärzer. Von einem tiefen, glänzenden Schwarz. Was zur Folge hat, daß der Betrachter dieser schönen Preziosen wie vor einem Spiegel auf sich selbst zurückgeworfen wird. Und das im doppelten Sinne, weil er zum einen nur sich selbst sieht und weil er sich zum anderen mit diesem Ding vor Augen durch nichts davon ablenken kann; nichts macht Töne oder Bilder, kein Drücken, Wischen oder Wedeln ändert auch nur das Geringste an der hochglanzpolierten Lackoberfläche. Sie ruht in sich - und ist damit das genaue Gegenteil der blinkenden, lärmenden Multifunktionstaschenbegleiter.

So gelingt es Dietmar Schmale, den Konsumfetisch des Jahres 2015 mit der genau 100 Jahre älteren Ikone der Abstraktion zu fusionieren zur perfekten Ikone des frühen 21. Jahrhunderts.

[…]

Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Dietmar Schmale - our darkness“, Galerie Münsterland, Emsdetten 2015

 

 

Über Timm Ulrichs nicht viele Worte zu verlieren ist schier unmöglich, schließlich blickt er nicht nur auf 75 Lebensjahre, sondern auf mehr als 50 Jahre unermüdlichen künstlerischen Schaffens zurück, in denen unzählige Werke entstanden sind, von denen wir hier ein gutes Dutzend zeigen und die ob ihrer Gedankenfülle wenn nicht einer Erklärung bedürfen, so doch eine ausführliche Erläuterung wünschenswert erscheinen lassen. Über Timm Ulrichs nur wenige Worte zu verlieren, ist also schon ein Kunststück - eines, das ich Ihnen jetzt gerne vorführen möchte.

Der Künstler selbst ist uns bei der Reduktion behilflich. Heißt es im Sprichwort noch: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, so steht bei Ulrichs geschrieben: „Ein Bild sagt mehr als sieben Worte.“ Plus Ein Bild sagt mehr als 42 Buchstaben.“ So lautet der vollständige Titel eines der hier ausgestellten Werke. Der gleichzeitig seine Inhaltsangabe oder Beschreibung ist. Denn eine LED-Laufschrift spendiert uns fortlaufend in Endlosschleife genau diese beiden Sätze. Das heißt, der Künstler hat die Redensart auf die Goldwaage gelegt, die ihm verriet, dass die Aussage über die tausend Worte nur sieben enthält. Oder eben 42 Buchstaben. Damit kommen wir schon in ernsthafte mathematische Schwierigkeiten, z.B. bei der Frage nach dem Wechselkurs von Wort zu Buchstabe. Denn nicht jedes Wort hat sechs. Sicher ist nur, dass das Bild noch immer den rechnerischen Sieg davonträgt.

Es bleibt jedoch die Frage, ob so ein scheinbar laufendes Schriftband, das in Wahrheit aus unzähligen blinkenden Leuchtdioden besteht, nun ein Bild ist oder nur eine Abfolge von Buchstaben. Immerhin stammt es aus der Hand, vielmehr dem Hirn eines bildenden Künstlers.

Ist dieses Werk also eine rein selbstbezügliche Aussage? Oder eine verbale Kampfansage des philosophischen Wortkünstlers und Denkakrobaten Ulrichs gegen alle Formen einer harmlos hirnlosen Kunstausübung, die schon von Duchamp als eine retinale, also bloß die Netzhaut kitzelnde Kunst verspottet wurde?

Ich tendiere da zu einem ganz entschiedenen Sowohl-als-auch.

 […..]

Auszug aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung Timm Ulrichs - bei Licht besehen, LVM-Versicherung, Münster, 2015

 

 

- Das da drüben bin ich.

- Wo?

- Na da, der dritte von links. Sieht man doch.

- Aha. Der sieht aber ziemlich lebendig aus. Ich denke, du bist tot?

- Ich denke, also bin ich.

- Ach, herrjeh, heißt du jetzt plötzlich Descartes?

- Mein Name ist Hase.

- Aber du bist doch ein Hamster!

- Das glaubst du! Weil man es dir gesagt hat. Seh‘ ich etwa so aus wie ein Hamster?

- Hmmm...... Nun ja, jetzt wo du‘s sagst: Eigentlich eher wie ein Eich...

- Sag‘s nicht!

- Wieso?

- Ich mag das Wort nicht! Ich kann es partout nicht ausstehen. Es ist so penetrant possierlich. Und viel häßlicher als ich.

- Keine Ahnung, was Eich...Hamster für ein Schönheitsideal haben. Große Augen, lange Ohren, dicke Schwänze? Also gut, du untoter Pseudohamster – und was hast du da in dem Bild verloren?

- Meine Rolex.

- Ich meinte doch: Was machst du da auf dem Bild?

- Ich belebe es.

- Als totes Tier? Wie soll das gehen?

- Also erst einmal: Das hatten wir schon; du hast selbst gesagt, ich sähe ziemlich lebendig aus. Immerhin kannst du mich auf dem anderen Bild ja sogar Motorroller fahren sehen und dort drüben auf einem dritten mit meinem Schwager und meinem Schwippschwager Skat spielen. Nur auf dem dort sehe ich ein bißchen überfahren aus – und auf jenem hier einfach platt, unter dem Laster des Alltags zusammengebrochen. Also insgesamt bin ich als belebendes Element noch ganz gut zu gebrauchen.
Und sieh dir doch zum Vergleich mal die Landschaft an. Die sieht doch aus wie ein Golfplatz! Kannst du dir was toteres vorstellen? Maschinengetrimmter, kunstgedüngter Rasen, mit absolut geometrisch abgezirkelten Sandlöchern, wie Mondkrater.

- Das mit dem Kunstdünger glaube ich dir nicht. Sieh dir doch mal dieses Grün an!

- Kontrastiert doch vortrefflich mit meinem Fell, oder?

[…]

Auszug aus: „Wie mir der tote Hamster die Bilder erklärt“, in: Klaus Geigle - Terraforming, Kat. Künstlerhaus Saarbrücken 2012